Interview mit Thorsten Freye (Künstler)

(Die Fragen stellte Marvin Altner, Kunsthistoriker, am 23.09.2008 anlässlich der Ausstellung „BS-VISITE“)

 

MA   Thorsten, deine neuen Arbeiten, von 2006–2008 entstandene Gemälde, Zeichnungen und Installationen basieren auf dem Prinzip der Kombination von Motiven aus den unterschiedlichsten Kontexten, die, von ihrer ursprünglichen Aussagefunktion losgelöst, eine Vielfalt assoziativer Möglichkeiten eröffnen.

Sie erinnern mich an künstlerische Strategien von Dada, Pop Art und Surrealismus. War das eine bewusste Umorientierung oder entstand sie aus einer intuitiven Wendung?

 

TF     Dieses Konzept scheint auf den ersten Blick einen radikalen Bruch mit meinen bisherigen Arbeiten zu bedeuten. Bei den neueren Arbeiten geht es mir um den spielerischen Umgang mit den vielfältigen Möglichkeiten der Projektionstechnik. Das war zwar auch schon bei den großformatigen Industrielandschaften so, die in der Ausstellung „Steelworks“ (Museum Schloß Salder, 2005) zu sehen waren, denn auch diese Werke basierten auf projizierten Fotografien. Dort hatte ich die Projektion allerdings als zielgerichtetes Mittel, auch zum Zweck eines effizienteren Arbeitsprozesses eingesetzt.

Jetzt steigere ich das spielerische Element bei bewusster Einbeziehung des Zufalls. Gerade die konzeptionell sehr stringente Arbeit am Industrie-Zyklus hat mein Bedürfnis verstärkt, das neben dem Hauptstrom sich ansammelnde Ideenpotential künstlerisch umzusetzen. Dafür musste ich allerdings die Identität des Einzelmotivs mit den monumentalen Bildformaten aufgeben, die den Landschaften erst ihre Erhabenheit verlieh. Ansätze, diese Erhabenheit durch eine unterschwelligen Tendenz zum Surrealen zu brechen, lassen sich auch hier schon entdecken. Die neuen Arbeiten der vergangenen drei Jahre gehen darüber hinaus, sie zeigen den viel freieren Einsatz von Transparenz, Durchdringung, Überlagerung und Verwendung von Collage- und Blow Up-Verfahren.

 

MA   Die Kompositionstechniken sind nur eine Seite des Herstellungsprozesses – doch wie wählst Du Dein Material aus?

 

TF     Die Auswahl der Motive ist ein affektiver Prozess, den ich nicht bewusst kontrolliere. Mir ist die Empfänglichkeit für die absurden Brüche, die unterschwellige Komik und Skurrilität der Abbildungsrealitäten wichtig; nach dem Wort Picassos – er suche nicht, sondern er finde – steigt der Künstler in einen intuitiven Rezeptions- und Verarbeitungsprozess ein, der sich in hohem Maße aus sich selbst generiert.

Eine besondere Rolle spielt für mich hier das „Farbklima“ von Gemälden, ein Begriff, der auch in der aktuellen Diskussion über neuere Malerei häufiger auftaucht. Bezogen auf meine aktuellen Bilder ist dieser Begriff von zentraler Bedeutung. Die jeweilige Abbildung, selbst noch als Fragment, trägt ihre eigene Realität, ihre zeitliche und ästhetische Einordnung, in Stile bzw. Moden in sich. Kennt dieses Phänomen nicht jeder, der ein Familienalbum mit Jahrzehnte alten Abbildungen nach längerer Zeit wieder anschaut? Den Bildern haften weitaus mehr unterschwellige Informationen an, als ihre vordergründige Bedeutungs- und Zweckmäßigkeit suggeriert. Eben dieses Phänomen der Konnotationen oder des „Farbklimas“ schafft den Spielraum für künstlerische Experimente mit offenem Ausgang. Für den Maler liegt der Reiz nun darin, in der Kombination der verschiedenen Projektionen diesen ästhetischen Gehalt zu transportieren, aber das Motiv gleichzeitig von seinem ursprünglichen Verwendungszweck zu befreien. Dadurch wird eine zweck- aber nicht sinnfreie Komposition erzielt, die in der Summe der Ebenen komplexer ist als ihr Ausgangsmaterial.

 

MA   Bei aller Freiheit der Auswahl aus dem unbegrenzten Reservoir von Wirklichkeitspartikeln – bestimmte Themen und Bildgegenstände setzen sich in Deinen Werken immer wieder durch. Zeigt sich an den Aktdarstellungen mit Tendenz zum „kalten Blick auf warme Körper“ eine persönliche Vorliebe? Ein Hang zum Voyeurismus? Oder eine Spekulation auf den voyeuristischen Blick des vornehmlich männlichen Betrachters?

 

TF Es ist in der Tat beides. Ich muss mir als männlichem Maler mit heterosexueller Präferenz eingestehen, dass ich auf pornografische Darstellungen von Frauen, wie wahrscheinlich jeder andere Mann auch, „anspringe“. Es wäre dann erst „der moralische Zeigefinger“ meines „Über-Ich“, der mir die Verwerflichkeit meiner natürlichen Reaktion vor Augen führen müsste. Andererseits wäre es als Künstler, der in gewisser Weise die Pflicht zur Offenlegung seiner inneren, auch moralisch inkorrekten, Triebe, quasi im Selbstversuch, verspürt, lächerlich, Menschen ohne Geschlechtsteile darzustellen. Und ich fühle mich in dieser Tendenz auch von „berühmteren“ Kollegen bestätigt, die einer überkommenen Vorstellung einer „schwiemeligen“ pseudo-ästhetischen Aktdarstellung eine Absage erteilt haben, um der Schönheit der echten, ungeschminkten Nacktheit, auch auf die Gefahr des Umschlagens ins Eklige bzw. moralisch Umstrittene, Bahn zu brechen. Da sehe ich mich in direkter Linie verbunden mit Norbert Tadeusz, mein Lehrer zu Braunschweiger Studienzeiten, und mit den Pionieren dieser Geisteshaltung, Courbet, Manet und Degas, um nur die wichtigsten Kronzeugen zu nennen. Und weiter dieser Linie folgend, der ins Subtile, in letzter Konsequenz sogar eingestanden Perverse, Sadomasochistische führenden Auseinandersetzung mit diesem „heiklen“ Thema. Zum Beispiel bei Felix Valloton, Hans Bellmer, dessen Werke dir von deiner Dissertation her besonders vertraut sind, Tomi Ungerer, die stilprägenden Fotografen Helmut Newton, Nobuyoshi Araki, bis in die direkte Gegenwart, David Lachapelle, Thomas Ruff, Terry Richardson, auch der Maler-Jungstar Martin Eder gehört zu ihnen, der gerade im Mönchehaus Museum Goslar riesige c-prints von „armen“ jungen, gänzlich nackten Frauen zeigt. Demgegenüber finde ich nichts „abturnender“ als die geleckten, mit Photoshop geschönten „Mädchen“ in den einschlägigen Männermagazinen mit ihrem pseudo-ästhetischen Anspruch. Mich haben, das konnte ich in der Arbeit an diesen Bildern feststellen, vor allem Vorlagen aus den sechziger und siebziger Jahren angesprochen, was zum Einen wohl damit zusammenhängen mag, dass mich gerade diese „Hefte“ in meiner Pubertät erotisch und auch ästhetisch beeinflusst haben, weil sie den gerade gängigen Stil der pornografischen Fotografie repräsentierten. Zum anderen haben diese Fotos aus meiner heutigen Perspektive eine handwerkliche Qualität in Komposition und Farbigkeit, die über die aktuell zu erwerbenden Produkte weit hinausgeht. Mit dem Hauptmotiv meines Gemäldes „form follows function“ bin ich fast ein Jahr „schwanger gegangen“, bevor ich es tatsächlich in der monumentalen Größe von 200x280cm realisiert habe. Es stand am Ende der expliziten Beschäftigung mit diesem Thema und ich betrachte es als Schlüsselwerk dieser Phase, nach deren Abschluss ich mich auch wieder anders gelagerten Interessen zugewandt habe. Ich fand die abstrakt-kompositorische Grundstruktur, losgelöst vom eindeutig pornografischen Inhalt, gelungen und einer aufwändigen malerischen Umsetzung wert. Alle Beifügungen und Überdeckungen meinerseits, absichtlich an den „eindeutigen“ Stellen platziert, können interessanterweise den eindeutig pornografischen Charakter des Bildausschnittes nicht übertönen. Das hängt aber weniger mit den im Gemälde ja nicht mehr sichtbaren Geschlechtsteilen, sondern mit dem inhärenten „Farbklima“ dieser Vorlage zusammen, die in Malerei umzusetzen mir ein spezielles erotisches Vergnügen bereitet hat. Im Übrigen wundert mich ein wenig, dass du als aufgeklärter Kunsthistoriker mit deinem „Bellmer-background“, solch eine konservativ-bürgerliche Fragestellung vertrittst.

 

MA   Ich hatte nur nach Deiner Begründung für die häufigen und expliziten Aktdarstellungen in Deinen Gemälden gefragt. Die Charakterisierung der Fragestellung als "konservativ-bürgerlich" ist Deine Projektion – und an ihr kann ich erkennen, gegen welche Haltung Du meinst, Dich verteidigen zu müssen! Aber lass uns weniger das Provokationspotenzial dieses Themas ausloten als vielmehr über Dein Interesse daran sprechen.

 

Auf einer abstrakteren Reflexionsstufe sehe ich im Verhältnis von Erotik und Pornografie eine Analogie zum Verhältnis von Kunst und Leben. Der Zug der Kunst, sich im Leben zu verwirklichen, muss genauso scheitern wie die Erotik, die in letzter Konsequenz, zumindest ihrer physischen, zur banalen Pornografie wird, wenn sie sich der Wirklichkeit stellt. In der Kunst wie in der Pornografie liegt ein unlösbarer Widerspruch zwischen nacktem Realismus, der die ungeschminkte Wahrheit zeigt, gepaart mit einer imaginierten Wunschvorstellung, die jeder Realität entbehrt. Pornografie ist deshalb ein so interessantes Phänomen für die künstlerische Auseinandersetzung, weil sie den Endpunkt des erotischen Sehnens in einer Drastik vorführt, die das Illusorische seiner Erfüllung in der Kälte einer inszenierten Fleischbeschau vorführt – daher rührt also das Distanzierte, ‚Kalte’ meines Blicks als Maler auf den Körper als erogene Form. Ich fühle mich den vorhin erwähnten „Paten“ wie Valloton, Araki und anderen auch sehr nahe, im Sinne einer die Zeiten überwindenden Geistesverwandschaft. Ich arbeite wie sie, an der Grenze, dort, wo im Moment der Erkenntnis des abstoßend Banalen der erotische Elfenbeinturm implodiert. Es ist dieses Moment, das den Körper prädestiniert, zum bevorzugten Gegenstand künstlerischer Reflexion zu werden! Seine Transformation durch artifizielle Strategien in eine andere, grundlegendere Sphäre des Erotischen, nämlich die des Schaffensdranges, bedeutet, zumindest für den Künstler, die einzig mögliche Überwindung dieses paradoxen wenngleich auch notwendigen Antriebs. Mein Verhältnis zur Kunst entspricht dem eines Chirurgen zu seinem Patienten.

 

MA   Da liegt es nahe, auch nach der Person zu fragen, die ja im Künstler-Sein nicht aufgeht. Ist Deine ‚Chirurgie’ nicht eher eine gegenüber dem Leben, die sich im Kunstwerk artikuliert?

 

Dass meine Person im Künstler-Sein nicht aufgeht, halte ich für eine Behauptung deinerseits, die ich bei allem, was ich bisher geäußert habe, nicht nachvollziehen kann. Vielleicht sprechen wir über mein Selbstverständnis als Künstler nachher noch?

Die Frage nach dem „Chirurgischen“ meines Blickes auf das Leben und dessen Artikulation in meinen Arbeiten, muss ich wohl noch etwas differenzierter beantworten, weil das Thema und meine grundsätzliche Haltung dazu sehr komplex ist und die Gefahr der Widersprüchlichkeit in sich trägt.

Was sich in meiner „Arbeit“ ausdrückt, hat erst einmal mit meinem „Privatleben“ und persönlicher Glückserfüllung in diesem nichts zu tun.

Und diese Sphäre geht die Öffentlichkeit auch nichts an. Ähnlich einem Schauspieler bin ich hierin nicht gleich zusetzten mit der „Rolle“, die ich gerade spiele, muss mich aber, um diese überzeugend zu spielen, bis zu einem gewissen Grad identifizieren, bin aber gerade darum nicht „identisch“ mit ihr. Man kann es als eine Art Abspaltung von Teilpersönlichkeiten betrachten, die dann für sich genauestens, im oben erwähnten Selbstversuch, wie in einer Laboranordnung, unter die Lupe genommen werden. Darin bin ich gnadenlos.

Was mich auf gesellschaftlicher Ebene beschäftigt, ist die Manipulation und kommerzielle Ausnutzung dieser legitimen Sehnsucht nach Glückserfüllung und echter Zufriedenheit in der – auch körperlichen – Liebe, wenn sie nicht erfüllt wird, also defizitär ist und damit zur Kompensation, über was auch immer, verleitet.

Um es mal mit einem Allgemeinplatz deutlich zu machen: „Mit schönen Titten kann ich sogar ein Atomkraftwerk verkaufen“. Zumindest gilt das für den männlichen Teil der Bevölkerung.

 

Lass uns noch einmal auf die Frage nach meinem Künstler-Selbstverständnis zurückkommen:

Sicher stelle ich mir als Künstler die Frage: „Definiere ich mich in allem, was ich tue, als Künstler, selbst in Situationen, in denen ich gerade nicht explizit 'Kunst mache'“? Oder anders herum gefragt: Worin unterscheidet sich denn das Lebensgefühl bzw. die Lebensauffassung des Künstlers von der anderer Menschen insbesondere in einer Zeit, in der potenziell jedem die technischen Mittel (digitale Fotografie, Bildbearbeitung u. a.) zur Verfügung stehen, materielle Bilder von der Welt herzustellen und zu zeigen?

 

Wenn ich mich als Künstler durch die Welt bewege, verbindet sich damit ein bestimmter Anspruch an mich selbst. Von außen betrachtet existiere ich zwar in denselben im weitesten Sinne bürgerlich-demokratisch ausgerichteten Gesellschaftsstrukturen, erkenne ihre „Spielregeln“ an und verhalte mich zu ihnen integrativ und nach Möglichkeit „clever“. Eine durch Kunst eröffnete utopische oder Aussteigerperspektive scheint mir heute nicht mehr möglich zu sein!

Vielmehr nehme ich eine ‚artifizielle’ Haltung gegenüber der Umwelt ein – mit einem Blick, der durchaus mit dem des Chirurgen vergleichbar ist, der von außen in einen Organismus eingreift und ihn manipuliert. Wesentlich ist für mich darin der produktive Zugang zur Umwelt im Gegensatz zum konsumptiven Verhalten vieler Menschen. Ich definiere mich nicht über das, was ich konsumiere, sondern über das, was ich als Künstler „produziere“. Oder anders formuliert: Wenn ich als Künstler konsumiere, so geschieht das nach Maßgabe der späteren künstlerischen ‚Verwertbarkeit’ des Konsumierten. Wenn ich mir Bilder von der Welt mache, dann liegt der Schwerpunkt explizit auf dem „Machen“. Ich muss aber andererseits ausdrücklich betonen, dass mir die Messias-Rolle, deren prominentester letzter Vertreter meines Erachtens Joseph Beuys war, gänzlich suspekt ist. Ich bestehe auf meinem Recht auf Distanz und Trennung von beruflicher, professioneller (als den ich mein Künstlertum empfinde) Sphäre und meinem Privatleben. Ich will nicht die Nachfolge von Jesus, Gandhi oder sonst einem Heilsbringer verkörpern, dass finde ich vermessen und geht für mein Verständnis weit über die angemessene Funktion des Kunstmachens als Strategie, die dem Leben zuträglich ist, hinaus, da sie immer die Selbstaufopferung als letzte Konsequenz beinhaltet, um glaubwürdig zu erscheinen.  

 

MA   Beuys und andere Künstler-Ikonen sind ja heute in gewisser Weise Pop Stars, so wie Andy Warhol – der selbst damit zum Star aufgestiegen ist – sie auch dargestellt hat. Wenn der Künstler uns also kein Heilsangebot macht, worin konkret besteht seine Aufgabe?

 

TF     Der bildende Künstler muss sein „input“ nicht nur in ein künstlerisches „output“ verwandeln, sondern mit diesem „output“ ein eigene ikonografisches System konstituieren, also eine äußerst individuelle Bildwelt schaffen, die er dann seinem Publikum als Diskursangebot, in Form von Ausstellungen, Präsentationen etc. zur Verfügung stellt. In diese Richtung weiter gedacht, wäre es hier natürlich die Aufgabe eines aktiven, interessierten Publikums, dieses Angebot anzunehmen, es als Chance der Erweiterung des eigenen Horizontes zu betrachten, um die Gesellschaft ein Stück weiter zu bringen. Leider ist dies nicht immer der Fall und der Künstler wird immer noch als Störfaktor, Unruhestifter und Provokateur empfunden (was er im Idealfall natürlich auch ist) und die Auseinandersetzung mit seinen zugegeben oft unbequemen Modellen und Inhalten als Zumutung betrachtet. Mich fasziniert, dass ich als Künstler die einzigartige Möglichkeit habe, etwas zu „kreieren“, was nur ich so kann, wie ich es tue. Der Kontext ist aber ein anderer als früher, es kann keinen „Kanon“ mehr geben, wie er frühere Epochen ausgezeichnet hat, nur noch ‚Strömungen’, die ausnahmsweise auch als ‚Schulen’ bezeichnet werden, wie die „Leipziger Schule“ in der jüngeren Vergangenheit. Die Voraussetzung, heute noch Bereiche grundsätzlich neu zu prägen, besteht nicht mehr. Man kann heute keine Gotik mehr „erfinden“.

 

MA   Vielleicht können wir uns das nur nicht vorstellen?

 

TF     Nein, titanische Leistungen wie von Giotto oder Michelangelo wären in unserer festgefügten, immer lückenloser organisierten und vor allem informierten Außenwelt nicht mehr vorstellbar. Die großen kunsthistorischen Umwälzungen brauchten immer den Umbruch als Chance zur Neuorientierung und damit Neuprägung. Selbst Picasso, der als letzter noch das Bild des selbst postulierten „Titans“ der Moderne pflegen konnte, hat sich mit einem aus heutiger Sicht hermetischen Werk für die nachfolgenden Generationen als „Sackgasse“ erwiesen. Und alle, die versucht haben, an sein Werk Anschluss zu finden, mussten als Epigonen scheitern.

 

Aus diesem Grund waren der Surrealismus, Dada und die Pop Art in ihrer gebrochenen, ironischen und damit einhergehend kommunikativeren Herangehensweise der einzige Weg, noch einen signifikanten künstlerischen Beitrag zur gesellschaftlichen Diskussion zu leisten. In der postmodernen Gegenwart ist ein ‚absolut’ Neues nicht mehr denkbar, da es alles, zumindest als gedanklichen Kern, schon einmal gab. Die künstlerische Innovation kommt über eine Theaterinszenierung des Aischylos im Laserblitzlichtgewitter nicht hinaus, denn neue Technologien schaffen noch lange keine wesentlich neuen Ideen.

 

Aber das ist auch nicht unbedingt als negatives Faktum zu bewerten, wenn man nicht partout auf das Neue hinaus will, wie es sich die Moderne einst auf die Fahne geschrieben hatte. Es kommt demnach vielleicht eher darauf an, am Diskurs teilzunehmen bzw. einen mehr oder weniger „impulsiven“ Beitrag zu leisten. Das Positive daran ist, das der Künstler in seiner Flexibilität, Spontaneität, Erfindungsgabe, Professionalität etc., also den Fähigkeiten, die ihn seine Ausbildung und weitere Lebensanforderungen gelehrt haben, geradezu prädestiniert ist, in einer modernen Gesellschaft eine wichtige Rolle zu erfüllen. Mitten drin und nicht außen vor.

 

MA   Du misst der gesellschaftlichen Position des Künstlers viel Bedeutung zu. Aber die Werke müssen auch sichtbar werden, damit sie ihre Rolle spielen können. Künstlerische Selbstverwirklichung garantiert nicht die Sichtbarkeit, schon gar nicht den Erfolg.

 

TF     Künstler haben eine hervorgehobene Stellung in der Gesellschaft, weil ihre Werke für viele sichtbar werden können. Aber das heißt nicht, dass man sich einem Kunstmarkt ausliefert, der mich zynisch werden oder der zumindest die Warenförmigkeit der Kunst dominieren lässt. Die Sichtbarmachung der Kunst und ich möchte das hier als unabhängig voneinander zu bewertende Ansprüche behandeln, ist mir tatsächlich ein Anliegen, sonst würde ich nicht, wie im Moment gerade, mit dem Projekt BS-VISITE eine groß angelegte Ausstellung für mich und über dreißig Künstlerkollegen auf die Beine stellen, was, wie du ja aus eigener Erfahrung weißt, ein erhebliches Maß an Arbeit und Engagement erfordert, aber sich nicht in bare Münze umrechnen lässt. Im Gegenteil. Aber ich arbeite lieber ohne Honorar für etwas, was ich als sinnerfüllend und befriedigend empfinde, als dass ich für viel Geld mich bzw. meine Kreativität in den Dienst von etwas stellen würde, was ich im Kern als unmoralisch und unlauter empfände. Das ist der Grund für meine sehr kritische Haltung gegenüber dem heutigen Kunstmarkt, den ich in seinen extremsten strategischen Ausprägungen, als Beispiel sei hier der „Saatchi-Feldzug“ zur Etablierung seiner jungen Künstler herangezogen, als extrem zynisch erlebe. Wenn wir hier also tatsächlich über das Thema Moral, „political correctness“ und dergleichen diskutieren wollen, scheint mir der vermeintliche Tabubruch in der Auseinandersetzung mit Pornografie als grenzwertigem Teil der künstlerischen Aktdarstellung doch vergleichsweise harmlos gegenüber dieser Pervertierung und offensichtlichen Manipulation von künstlerischen Idealen.   Kommerzialisierte Lebenswelten im zeitgenössischen Kapitalismus erzeugen auch einen hochgradig kommerzialisierten Kunstmarkt. Andererseits stellt sich natürlich trotzdem die Frage: Welcher Künstler könnte von sich sagen, nicht verführbar zu sein, wenn der Erfolg greifbar wird? Und wer sagt, dass sich nicht auch innerhalb des Kommerz die Integrität des Künstlers aufrecht erhalten lässt? Das lässt sich nur im Einzelfall und das muss auch jeder für sich entscheiden.

Für mich ist das Wissen beruhigend, dass ein Künstler kraft seines kreativen Potenzials künstlerisch nahezu alles verwirklichen kann, was er sich vorstellt, wenn er es denn will. Es gilt, die persönlichen, inneren und äußeren Möglichkeiten auszuschöpfen.

 

MA   Ich danke Dir für das Gespräch und wünsche Dir in diesem Sinne viel Erfolg!

     

TF     Vielen Dank!